Wie Alzheimer und andere Demenzformen in vier klinischen Phasen verlaufen – mit konkreten MMST-Werten, Braak-Stadien und Handlungsempfehlungen für jede Phase.
Die 4 Phasen der Demenz beschreiben den typischen Krankheitsverlauf von der ersten Vergesslichkeit bis zur vollständigen Pflegebedürftigkeit. Ob Alzheimer-Krankheit, vaskuläre Demenz oder Frontotemporale Demenz – jede Demenzform durchläuft charakteristische Stadien, die sich in Kognition, Alltagskompetenz und Pflegebedarf unterscheiden.
Barry Reisberg entwickelte 1982 an der New York University die Global Deterioration Scale (GDS) mit sieben Stufen, die klinisch häufig zu vier Hauptphasen zusammengefasst werden. Parallel dazu nutzen Neurologen den Mini-Mental-Status-Test (MMST) nach Folstein und die Clinical Dementia Rating (CDR) nach John C. Morris, um den Schweregrad objektivierbar zu messen. Dieser Artikel ordnet jede Phase den entsprechenden MMST-Werten, Reisberg-GDS-Stufen und neuropathologischen Braak-Stadien zu – damit Sie als Angehörige oder Fachkraft präzise einschätzen können, in welcher Phase sich Ihr Angehöriger befindet.
Die 4 Phasen der Demenz im Überblick: GDS nach Reisberg, MMST & CDR
Die Einteilung in 4 Phasen der Demenz basiert auf der klinischen Praxis der S3-Leitlinie Demenzen (DGN/DGPPN, AWMF-Register-Nr. 038-013), die zwischen leichter, mittelschwerer und schwerer Demenz unterscheidet – ergänzt um ein Vorstadium, das als Leichte Kognitive Beeinträchtigung (MCI) nach Petersen et al. (1999) bekannt ist.
Barry Reisbergs Global Deterioration Scale differenziert innerhalb dieser Phasen feiner: GDS 1–2 entspricht dem normalen Altern, GDS 3 dem MCI-Stadium, GDS 4 der leichten Demenz, GDS 5 der moderaten Demenz, GDS 6 der mittelschweren und GDS 7 der schweren Demenz. Die Functional Assessment Staging (FAST), ebenfalls von Reisberg, ergänzt dies durch alltagspraktische Meilensteine – etwa den Verlust der Fähigkeit, sich selbstständig anzukleiden (FAST 6c) oder zu lächeln (FAST 7f).
Übersichtstabelle: 4 Phasen der Demenz mit MMST, GDS & CDR
| Phase | Bezeichnung | MMST-Wert | GDS (Reisberg) | CDR (Morris) | Braak-Stadium | Typische Dauer |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Phase 1 Vorstadium | Leichte Kognitive Beeinträchtigung (MCI nach Petersen) | 24–30 Punkte | GDS 2–3 | CDR 0,5 | Braak I–II | 2–5 Jahre |
| Phase 2 Frühstadium | Leichte Demenz (Alzheimer Grad I nach ICD-10 F00.0) | 18–24 Punkte | GDS 4 | CDR 1 | Braak III–IV | 2–4 Jahre |
| Phase 3 Mittleres Stadium | Mittelschwere Demenz (Alzheimer Grad II nach ICD-10 F00.1) | 10–18 Punkte | GDS 5–6 | CDR 2 | Braak IV–V | 2–4 Jahre |
| Phase 4 Endstadium | Schwere Demenz (Alzheimer Grad III nach ICD-10 F00.2) | 0–9 Punkte | GDS 7 | CDR 3 | Braak V–VI | 1–3 Jahre |
Wichtig: Die Übergänge zwischen den 4 Phasen der Demenz sind fließend. Kein Patient wechselt an einem bestimmten Tag von Phase 2 in Phase 3. Die MMST-Werte, GDS-Stufen und CDR-Scores dienen als Orientierung – die individuelle Beurteilung durch einen Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie bleibt unersetzlich.
Interaktiver Phasen-Explorer: Alle 4 Stadien im Überblick
Phase 1 der Demenz: Leichte Kognitive Beeinträchtigung (MCI) – MMST 24–30
Die erste der 4 Phasen der Demenz wird klinisch als Mild Cognitive Impairment (MCI) bezeichnet. Ronald Petersen definierte dieses Konzept 1999 an der Mayo Clinic als messbaren kognitiven Abbau, der über das normale Altern hinausgeht, aber die Alltagskompetenz noch nicht wesentlich einschränkt. Die Abgrenzung zwischen altersbedingten Gedächtnisproblemen und einem echten MCI ist dabei eine der zentralen diagnostischen Herausforderungen. Auf der GDS nach Reisberg entspricht dies den Stufen 2–3, auf der CDR dem Wert 0,5 („questionable dementia“).
Typische Symptome in Phase 1 nach Reisberg GDS 3
- Gedächtnisstörungen: Wiederholtes Fragen nach demselben Sachverhalt, Verlegen von Schlüsseln oder Brille, Schwierigkeiten, sich an Namen neuer Bekanntschaften zu erinnern. Das episodische Gedächtnis (Hippocampus) ist messbar beeinträchtigt – im MMST zeigt sich dies typischerweise im Bereich der verzögerten Wortwiedergabe (Recall-Aufgabe nach 5 Minuten).
- Wortfindungsstörungen: Der richtige Begriff liegt „auf der Zunge“, kommt aber nicht. Fachsprachlich: Anomie. Im Gegensatz zur Aphasie späterer Phasen kann der Betroffene das Wort noch erkennen, wenn es genannt wird.
- Orientierung erhalten: Räumliche und zeitliche Orientierung sind vollständig intakt. Der Betroffene findet sich im eigenen Wohnumfeld problemlos zurecht.
- Persönlichkeit unverändert: Sozialverhalten, Empathie und Impulskontrolle sind unauffällig – ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zur Frontotemporalen Demenz, die bereits im Frühstadium mit Persönlichkeitsveränderungen beginnt.
- Kompensationsstrategien: Betroffene nutzen Erinnerungszettel, Kalender-Apps oder bitten Angehörige um Hilfe – die Krankheitseinsicht (Awareness) ist in Phase 1 noch vorhanden, was diese Phase deutlich von späteren Stadien mit Anosognosie unterscheidet.
Neuropathologie in Phase 1: Braak-Stadien I–II
Auf zellulärer Ebene zeigen die Braak-Stadien nach Heiko Braak (Universität Frankfurt), dass sich hyperphosphoryliertes Tau-Protein zunächst im entorhinalen Kortex (Braak I) und anschließend im Hippocampus (Braak II) ablagert. Amyloid-β-Plaques (nach dem A/T/N-Schema der NIA-AA-Kriterien 2018) sind im PET bereits nachweisbar, obwohl klinisch noch keine Demenz vorliegt. Diese Dissoziation zwischen Pathologie und Klinik macht die Frühdiagnostik so schwierig – und erklärt, warum der Liquor-Biomarker Aβ42/40-Ratio bereits in Phase 1 pathologisch sein kann.
Handlungsempfehlungen für Phase 1 der Demenz
- Neuropsychologische Testung: CERAD-Plus-Testbatterie oder Montreal Cognitive Assessment (MoCA) – sensitiver als der MMST für MCI. Empfohlen von der DGN/DGPPN-Leitlinie. Gerade wenn Vergesslichkeit im Alter zunimmt, sollte eine professionelle Abklärung nicht aufgeschoben werden.
- Biomarker-Diagnostik: Amyloid-PET (Florbetapir, Florbetaben) oder Liquorpunktion (Aβ42, Gesamt-Tau, Phospho-Tau) zur Differenzierung zwischen Alzheimer-MCI und nicht-degenerativem MCI.
- Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung: Jetzt erstellen, solange die Geschäftsfähigkeit voll gegeben ist.
- Risikofaktor-Management nach Lancet Commission 2024: Bluthochdruck (Zielwert <130/80 mmHg), Diabetes (HbA1c < 7 %), Schwerhörigkeit (Hörhilfe), Depression, soziale Isolation, Bewegungsmangel – bis zu 45 % des Demenzrisikos sind modifizierbar.
- Gedächtnistraining und kognitive Stimulation: Strukturierte Programme wie SimA oder MAKS können den kognitiven Abbau in Phase 1 nachweislich verlangsamen und die kognitive Reserve stärken. Besonders interaktives Gedächtnistraining eignet sich, um Betroffene gezielt und abwechslungsreich zu fördern.
Phase 2 der Demenz: Leichte Demenz (Frühstadium) – MMST 18–24
Wenn die kognitiven Einschränkungen den Alltag spürbar beeinträchtigen, beginnt Phase 2 der 4 Phasen der Demenz. Die S3-Leitlinie Demenzen spricht von leichter Demenz (ICD-10 F00.0 für Alzheimer). Auf Reisbergs GDS entspricht dies Stufe 4, auf der CDR dem Wert 1. Der MMST liegt typischerweise zwischen 18 und 24 Punkten.
Kognitive und alltagspraktische Defizite in Phase 2 nach GDS 4
- Gedächtnisverlust verstärkt: Nicht nur Namen, sondern auch Ereignisse der letzten Tage oder Wochen gehen verloren. Das Langzeitgedächtnis (Kindheitserinnerungen) bleibt in Phase 2 noch weitgehend erhalten – ein Kennzeichen, das Alzheimer von der vaskulären Demenz unterscheidet, bei der das Profil fluktuierender ist.
- Exekutive Dysfunktion: Planen, Organisieren und Problemlösen werden schwieriger. Typische Beispiele: Der Betroffene kann nicht mehr allein eine Reise planen, Steuern machen oder ein Mehrgang-Menü kochen. Auf Reisbergs FAST entspricht dies Stufe 4 („decreased ability to handle finances“).
- Zeitliche Desorientierung: Das genaue Datum, der Wochentag und manchmal die Jahreszeit werden verwechselt. Räumliche Orientierung in bekannter Umgebung bleibt noch erhalten, aber Fahrten in unbekannte Gebiete werden problematisch.
- Sprache: Wortfindungsstörungen nehmen zu (semantische Paraphasien – „das Ding zum Essen“ statt „Gabel“). Der Sprachfluss bleibt noch intakt, aber die Inhalte werden vager.
- Krankheitseinsicht nimmt ab: Die beginnende Anosognosie ist einer der schmerzhaftesten Aspekte für Angehörige. Der Betroffene bagatellisiert Fehler oder beschuldigt andere. Gerade deshalb ist es wichtig, die rechtliche Vorsorge durch Vollmachten möglichst früh zu regeln.
Medikamentöse Therapie in Phase 2: Cholinesterasehemmer nach S3-Leitlinie
In Phase 2 der Alzheimer-Demenz empfiehlt die S3-Leitlinie Demenzen den Einsatz von Cholinesterasehemmern: Donepezil (Aricept®, 5–10 mg/Tag), Rivastigmin (Exelon®, 4,6–13,3 mg/24h-Pflaster) oder Galantamin (Reminyl®, 16–24 mg/Tag retardiert). Diese Demenz-Medikamente verzögern die Verschlechterung um durchschnittlich 6–12 Monate (Birks, Cochrane Review 2006).
Nicht-medikamentöse Interventionen: Kognitive Stimulationstherapie (CST nach Spector et al.), regelmäßige körperliche Aktivität (150 Min./Woche aerob, WHO-Empfehlung), digitale Therapieansätze, Ergo- und Logopädie sowie Musiktherapie zeigen in Metaanalysen moderate Effekte auf Kognition und Lebensqualität (DEMQOL-Fragebogen).
Pflegegrad in Phase 2: NBA-Begutachtung durch den Medizinischen Dienst
In Phase 2 der Demenz liegt nach der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) gemäß dem Neuen Begutachtungsassessment (NBA) § 15 SGB XI häufig Pflegegrad 2 (27,0–47,5 Punkte) oder bereits Pflegegrad 3 (47,5–70,0 Punkte) vor – abhängig davon, wie stark Modul 2 (kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Gewichtung 15 %) und Modul 3 (Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Gewichtung 15 %) bewertet werden. Beantragen Sie den Pflegegrad frühzeitig, um Leistungen wie Pflegegeld (§ 37 SGB XI), Kombinationsleistung (§ 38), Tagespflege (§ 41) oder Verhinderungspflege (§ 39) nutzen zu können. Unser Ratgeber erklärt Schritt für Schritt, wie Sie den richtigen Pflegegrad beantragen.
Phase 3 der Demenz: Mittelschwere Demenz (moderates Stadium) – MMST 10–18
Phase 3 der 4 Phasen der Demenz ist für pflegende Angehörige häufig die belastendste. Die Alltagskompetenz sinkt rapide, Verhaltens- und psychische Symptome der Demenz (BPSD) treten in den Vordergrund, und der Betreuungsbedarf steigt massiv. Die S3-Leitlinie spricht von mittelschwerer Demenz (ICD-10 F00.1). Auf Reisbergs GDS entspricht dies den Stufen 5–6, auf der CDR dem Wert 2.
Symptome in Phase 3: BPSD, Apraxie und räumliche Desorientierung
- Räumliche Desorientierung: Der Betroffene findet nicht mehr nach Hause, verläuft sich in der eigenen Wohnung oder erkennt das Badezimmer nicht. Auf FAST entspricht dies Stufe 5 („can no longer survive without some assistance“). Der Einsatz von GPS-Trackern und Hinlauftendenz-Systemen wird spätestens jetzt dringend empfohlen.
- Apraxie: Verlust der Fähigkeit, gelernte motorische Handlungen auszuführen – trotz intakter Motorik. Der Betroffene kann sich nicht mehr selbstständig ankleiden (FAST 6c: Kleidung wird verkehrt herum angezogen), Besteck nicht mehr korrekt verwenden oder Alltagsgeräte (Fernbedienung, Herd) nicht mehr bedienen.
- Agnosie: Bekannte Gesichter werden nicht mehr erkannt (Prosopagnosie). Familienangehörige werden für Fremde oder verstorbene Verwandte gehalten. Gegenstände können nicht mehr korrekt benannt oder zugeordnet werden – ein Kamm wird zum „Ding“, eine Zahnbürste zum „Stock“.
- BPSD nach IPA-Konsensus: Bis zu 90 % der Demenzpatienten entwickeln im Verlauf mindestens ein neuropsychiatrisches Symptom (Cummings et al., Neurology 1994): Unruhe/Agitation, Wahnvorstellungen (Diebstahlswahn), Halluzinationen (v.a. bei Lewy-Körper-Demenz), Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen (Sundowning), depressive Episoden, Angst, Wandern (Hinlauftendenz).
- Inkontinenz: Zunächst Harninkontinenz (FAST 6d), später auch Stuhlinkontinenz (FAST 6e). Die Ursache ist meist zentral-neurogen (Frontalhirnschädigung), nicht urologisch.
Medikamente in Phase 3: Memantin und BPSD-Management
Ab Phase 3 empfiehlt die S3-Leitlinie zusätzlich oder alternativ Memantin (Axura®/Ebixa®, 20 mg/Tag), einen NMDA-Rezeptor-Antagonisten, der bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz zugelassen ist. Die Kombination Donepezil + Memantin zeigte in der DOMINO-Studie (Howard et al., NEJM 2012) additive Effekte. Für die Behandlung von BPSD gilt:
- Nicht-medikamentös zuerst: Milieutherapie, Validation nach Naomi Feil, Montessori-basierte Interventionen, Snoezelen, Aromatherapie – die S3-Leitlinie fordert, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen Vorrang haben.
- Risperidon (Risperdal®): Einziges bei Demenz zugelassenes Neuroleptikum zur Behandlung von Aggressivität und Psychose (0,5–1 mg/Tag). Maximale Behandlungsdauer 6 Wochen gemäß Zulassung. Cave: erhöhtes Schlaganfallrisiko bei älteren Patienten (FDA Black Box Warning).
- CAVE Lewy-Körper-Demenz: Neuroleptika sind bei DLB und Parkinson-Demenz kontraindiziert (malignes neuroleptisches Syndrom-Risiko). Hier sind Cholinesterasehemmer (Rivastigmin) für BPSD wirksamer.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Phase 4 der Demenz: Schwere Demenz (Endstadium) – MMST 0–9
In der letzten der 4 Phasen der Demenz ist der Betroffene vollständig auf Hilfe angewiesen. Auf Reisbergs GDS entspricht dies Stufe 7, auf der CDR dem Wert 3. Die FAST-Skala differenziert innerhalb von Phase 4 sechs Substadien (7a–7f), die den fortschreitenden Verlust grundlegender Fähigkeiten abbilden.
Symptome im Endstadium: FAST 7a–7f nach Reisberg
- FAST 7a – Sprachverlust (Aphasie): Das Sprachvermögen beschränkt sich auf ein bis sechs verständliche Wörter pro Tag. Viele Patienten entwickeln einen Mutismus – sie verstummen vollständig. Kommunikation ist nur noch über Berührung, Mimik und Tonlage möglich.
- FAST 7b – Verlust der Gehfähigkeit: Fortschreitende motorische Rigidität und Kontrakturen führen zur Immobilität. Der Patient ist rollstuhlgebunden und schließlich bettlägerig. Dekubitusprophylaxe (Lagerungswechsel alle 2 Stunden, Antidekubitusmatratze) wird lebensnotwendig.
- FAST 7c – Verlust der Sitzfähigkeit: Ohne Unterstützung kann der Betroffene nicht mehr aufrecht sitzen. Der Kopf fällt nach vorne oder zur Seite.
- FAST 7d – Verlust des Lächelns: Mimische Reaktionen gehen verloren. Angehörige beschreiben dies als den Moment, in dem „das Letzte vom vertrauten Menschen verschwindet“.
- Dysphagie und Aspirationspneumonie: Schluckstörungen sind die häufigste Todesursache bei fortgeschrittener Demenz. Die Studie von Mitchell et al. (NEJM 2009) zeigte, dass die 6-Monats-Mortalität bei schwerer Demenz mit Essproblemen bei 38,6 % liegt. Die Frage der PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) wird häufig diskutiert – die DGN-Leitlinie stellt klar, dass PEG-Sonden bei fortgeschrittener Demenz weder die Lebenserwartung noch die Lebensqualität verbessern.
- Immunitätsschwäche und Infektionen: Kachexie (pathologischer Gewichtsverlust), Immobilität und Schluckstörungen führen zu Aspirationspneumonien, Harnwegsinfekten und Sepsis – den häufigsten Todesursachen im Endstadium.
Palliativversorgung und Hospiz im Endstadium der Demenz
Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) empfiehlt, schwere Demenz als palliative Erkrankung zu betrachten. Konkret bedeutet dies:
- SAPV (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung): Anspruch nach § 37b SGB V bei komplexem Symptomgeschehen. Ein SAPV-Team (Palliativmediziner, Pflegefachkraft, Sozialarbeiter) koordiniert die Versorgung zu Hause oder im Pflegeheim.
- Schmerzerfassung mit BESD-Skala: Die Beurteilung von Schmerzen bei Demenz (BESD, nach Basler et al.) ist das deutschsprachige Standardinstrument – da Patienten in Phase 4 Schmerzen nicht mehr verbal äußern können, werden Atmung, Lautierung, Gesichtsausdruck, Körpersprache und Reaktion auf Trost bewertet.
- Stationäres Hospiz: Anspruch nach § 39a SGB V, wenn die Pflegeeinrichtung oder das häusliche Umfeld die Symptomkontrolle nicht mehr gewährleisten kann. Die Kosten trägt die Krankenkasse (90 %) und die Pflegekasse (10 %).
- Patientenverfügung reautorisieren: Wurde in Phase 1 eine Verfügung erstellt, sollte der Bevollmächtigte diese jetzt mit dem behandelnden Arzt besprechen – insbesondere hinsichtlich Krankenhauseinweisung, Antibiotikatherapie und künstlicher Ernährung.
Diagnostische Instrumente: MMST, CDR, GDS und FAST im Vergleich
Um die 4 Phasen der Demenz objektiv zu bestimmen, setzen Neurologen und Geriater mehrere validierte Skalen ein. Jedes Instrument hat Stärken und Schwächen – die neuropsychologische Diagnostik sollte daher immer mehrere Verfahren kombinieren.
Mini-Mental-Status-Test (MMST) nach Folstein
Der 1975 von Marshal F. Folstein an der Johns Hopkins University entwickelte MMST ist mit Abstand der am häufigsten eingesetzte Kurztest. Er prüft in 30 Aufgaben: zeitliche/örtliche Orientierung (10 Punkte), Merkfähigkeit (3 Punkte), Aufmerksamkeit/Rechnen (5 Punkte), Erinnerung (3 Punkte), Sprache (8 Punkte) und konstruktive Praxis (1 Punkt). Die Grenzwerte:
- 25–30 Punkte: Normalbefund oder fragliche Störung (Cave: MCI kann bei hohem Bildungsniveau trotzdem vorliegen)
- 18–24 Punkte: Leichte Demenz (Phase 2)
- 10–17 Punkte: Mittelschwere Demenz (Phase 3)
- 0–9 Punkte: Schwere Demenz (Phase 4)
Limitationen: Der MMST hat einen Deckeneffekt (leichte Störungen werden übersehen, besonders bei Hochgebildeten) und einen Bodeneffekt (im Endstadium nicht mehr differenzierend). Er misst zudem keine Exekutivfunktionen, weshalb Frontotemporale Demenz im MMST oft unauffällig erscheint.
Clinical Dementia Rating (CDR) nach John C. Morris
Die CDR wurde 1982 an der Washington University in St. Louis entwickelt und bewertet sechs Domänen: Gedächtnis (primäre Kategorie), Orientierung, Urteilsvermögen, Gemeinschaftsaktivitäten, Haushalt/Hobbys und Körperpflege. Die Gesamtbewertung erfolgt über den CDR-Global-Score (0 = keine, 0,5 = fragliche, 1 = leichte, 2 = mittelschwere, 3 = schwere Demenz) oder den CDR-Sum of Boxes (0–18 Punkte) für eine feinere Abstufung.
Global Deterioration Scale (GDS) und Functional Assessment Staging (FAST)
Barry Reisbergs GDS beschreibt sieben Stufen von der Normalfunktion (GDS 1) bis zur sehr schweren Demenz (GDS 7). Die FAST erweitert die GDS um alltagspraktische Meilensteine und ist besonders im Spätstadium (Phase 4) nützlich, wenn MMST und CDR nicht mehr differenzieren können. FAST 7a–7f bilden die Substadien des Endstadiums ab und werden im Hospiz-Bereich zur Prognoseeinschätzung herangezogen – beispielsweise als Aufnahmekriterium für die Hospizversorgung (FAST ≥ 7c mit Komorbiditäten).
Verlauf der 4 Phasen nach Demenzform: Alzheimer, vaskulär, DLB und FTD
Die 4 Phasen der Demenz verlaufen nicht bei jeder Demenzform gleich. Während die Alzheimer-Demenz einen relativ gleichmäßigen, langsam progredienten Verlauf zeigt, unterscheiden sich andere Demenzformen erheblich in Geschwindigkeit, Symptomreihenfolge und Prognose.
Alzheimer-Demenz: Linearer Verlauf über 8–12 Jahre
Die Alzheimer-Krankheit durchläuft die 4 Phasen am vorhersehbarsten. Von der MCI-Phase bis zum Tod vergehen durchschnittlich 8–12 Jahre (Xie et al., BMJ 2008). Das episodische Gedächtnis ist zuerst betroffen (Hippocampus-Atrophie), die Motorik bleibt bis Phase 4 erhalten. Die Braak-Stadien I–VI spiegeln die Ausbreitung der Tau-Pathologie vom entorhinalen Kortex über den Hippocampus zum Neokortex wider.
Vaskuläre Demenz: Stufenförmiger Verlauf mit plötzlichen Verschlechterungen
Die vaskuläre Demenz (Morbus Binswanger, Multi-Infarkt-Demenz) folgt keinem linearen Muster. Stattdessen tritt eine stufenförmige Verschlechterung auf: Nach jedem Mikro- oder Makroinfarkt fällt die kognitive Leistung abrupt ab, stabilisiert sich dann und verschlechtert sich erst beim nächsten vaskulären Ereignis wieder. Exekutive Dysfunktion und Gangstörungen treten früher auf als bei Alzheimer, das Gedächtnis bleibt länger erhalten. Die Phaseneinteilung ist hier weniger präzise anwendbar.
Lewy-Körper-Demenz (DLB): Fluktuationen und frühe Halluzinationen
Die Demenz mit Lewy-Körpern zeigt bereits in Phase 1–2 charakteristische visuelle Halluzinationen (detaillierte Szenen von Personen oder Tieren), kognitive Fluktuationen (wache und verwirrte Phasen im Tagesverlauf) sowie REM-Schlaf-Verhaltensstörungen. Parkinson-Symptome (Rigor, Tremor, Bradykinesie) treten spätestens in Phase 2–3 hinzu. Die Progression ist schneller als bei Alzheimer: Die mittlere Überlebenszeit beträgt 5–8 Jahre.
Frontotemporale Demenz (FTD): Persönlichkeitsveränderung vor Gedächtnisverlust
Bei der FTD steht in Phase 1–2 nicht die Gedächtnisstörung, sondern die Persönlichkeitsveränderung (bvFTD) oder der Sprachzerfall (PPA) im Vordergrund. Der MMST bleibt in den frühen Phasen oft normal, weshalb die GDS/FAST-Einteilung hier nur eingeschränkt anwendbar ist. Das Manifestationsalter liegt mit 45–65 Jahren deutlich niedriger, die Prognose ist mit 6–9 Jahren (bvFTD) schlechter als bei Alzheimer.
Pflegegrad und Kosten in den 4 Phasen der Demenz nach SGB XI
Die 4 Phasen der Demenz korrelieren eng mit den Pflegegraden des Neuen Begutachtungsassessments (NBA) gemäß § 15 SGB XI. Seit der Pflegereform 2017 werden kognitive Einschränkungen gleichwertig neben körperlichen Defiziten bewertet – ein enormer Fortschritt für Demenzpatienten. Alle Details zur Begutachtung und zum Antrag finden Sie in unserem Ratgeber Pflegegrad bei Demenz.
Zuordnung der 4 Phasen zu Pflegegraden und Leistungen
- Phase 1 (MCI): In der Regel noch kein Pflegegrad. Entlastungsbetrag (§ 45b SGB XI, 125 €/Monat) kann bei Pflegegrad 1 beantragt werden.
- Phase 2 (leichte Demenz): Typischerweise Pflegegrad 2–3. Pflegegeld: 332 € (PG 2) bzw. 573 € (PG 3) pro Monat. Pflegesachleistungen: 761 € bzw. 1.432 €. Tagespflege (§ 41) zusätzlich nutzbar.
- Phase 3 (mittelschwere Demenz): Meist Pflegegrad 3–4. Pflegegeld: 573 € (PG 3) bzw. 765 € (PG 4). Anspruch auf Kurzzeitpflege (§ 42, bis 1.774 €/Jahr) und Verhinderungspflege (§ 39, bis 1.612 €/Jahr).
- Phase 4 (schwere Demenz): Fast immer Pflegegrad 4–5. Pflegegeld: 765 € (PG 4) bzw. 947 € (PG 5). Vollstationäre Pflege (§ 43): 1.775 € (PG 4) bzw. 2.005 € (PG 5). Der Eigenanteil im Pflegeheim (EEE + Unterkunft + Investitionskosten) beträgt im Bundesdurchschnitt 2.468 €/Monat. Leistungszuschläge nach § 43c SGB XI staffeln sich je nach Aufenthaltsdauer (15 % im 1. Jahr bis 75 % ab dem 4. Jahr).
Tipp: Bei Ablehnung oder zu niedrigem Pflegegrad lohnt sich ein Widerspruch innerhalb der 4-Wochen-Frist. Mehr als 30 % der Widersprüche führen zu einer Höherstufung. Der Sozialverband VdK oder die Pflegestützpunkte helfen beim Widerspruchsverfahren.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Handlungsempfehlungen für Angehörige in jeder Phase der Demenz
Jede der 4 Phasen der Demenz stellt Angehörige vor unterschiedliche Herausforderungen. Die folgende Strukturierung nach Phasen hilft, die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu ergreifen – von der Kommunikation über rechtliche Schritte bis zur Selbstfürsorge.
Phase 1–2: Vorsorge und Alltagsstrukturierung
- Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung: Dies ist der wichtigste Schritt. Solange die Geschäftsfähigkeit besteht, sollten alle drei Dokumente notariell beglaubigt werden. Unser Ratgeber zur Vorsorgevollmacht bei Demenz erklärt die wichtigsten Schritte im Detail.
- Finanzielle Absicherung: Bankvollmachten klären, Daueraufträge einrichten, Kreditkartenlimits setzen. An eine mögliche Erwerbsminderungsrente (bei Erkrankten unter 67) denken.
- Tagesstruktur etablieren: Feste Zeiten für Mahlzeiten, Spaziergänge und soziale Aktivitäten geben Sicherheit. Kognitive Stimulation (Kreuzworträtsel, Musikhören, Fotoalben anschauen) wird von der DGN-Leitlinie empfohlen – auch interaktives Gedächtnistraining lässt sich gut in den Tagesablauf integrieren.
Phase 3: Sicherheit und Entlastung für pflegende Angehörige
- Wohnraumanpassung: Herdabschaltung, Türsicherung, Beleuchtungssensoren, Antirutschmatten, Toilettensitzerhöhung. Die Pflegekasse bezuschusst wohnumfeldverbessernde Maßnahmen mit bis zu 4.000 € pro Maßnahme (§ 40 SGB XI).
- Hilfsmittel: GPS-Tracker, Tablettenspender mit Erinnerungsfunktion, sprechende Uhren, Demenz-Kommunikationshilfen. Verordnung über den Hausarzt, Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
- Angehörigenentlastung: Tagespflege, Verhinderungspflege (§ 39, 1.612 €/Jahr), Kurzzeitpflege (§ 42, 1.774 €/Jahr) und der Entlastungsbetrag (§ 45b, 125 €/Monat) gezielt nutzen.
Phase 4: Palliativbegleitung und Würde im Sterben
- Patientenverfügung umsetzen: Besprechen Sie mit dem Palliativteam, welche Maßnahmen gewünscht sind und welche nicht (Krankenhauseinweisung, Antibiotika, künstliche Ernährung, Reanimation).
- Basale Stimulation nach Bienstein: Berührung, vertraute Stimmen und Gerüche (Lieblingsparfüm, frisch gebackenes Brot) können auch im Endstadium noch Wohlbefinden vermitteln. Musiktherapie zeigt nachweisbar Wirkung auf Agitation (Cochrane Review, van der Steen et al. 2018).
- Abschied gestalten: Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) bietet Beratung für Angehörige. Trauerbegleitung sollte bereits vor dem Tod beginnen („anticipatory grief“), da die Trauer um den Persönlichkeitsverlust oft schon in Phase 2–3 einsetzt.
Checkliste: Die wichtigsten Maßnahmen in den 4 Phasen der Demenz
Diese Punkte helfen Ihnen, in jeder Phase die richtigen Schritte einzuleiten.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Anlaufstellen und Hilfsangebote für jede Phase der Demenz
In jeder der 4 Phasen der Demenz gibt es spezialisierte Anlaufstellen, die Betroffene und Angehörige mit Beratung, Information und praktischer Hilfe unterstützen. Einen umfassenden Überblick über Unterstützung für Angehörige bei Demenz finden Sie in unserem ausführlichen Ratgeber.
Quellenverzeichnis
Die Inhalte dieses Artikels basieren auf der aktuellen wissenschaftlichen Fachliteratur, den Leitlinien der Fachgesellschaften und den gesetzlichen Rahmenbedingungen des SGB V und SGB XI.
