Wissenschaftlich fundierte Spielideen für Menschen mit Demenz – nach Montessori-Prinzip, Cochrane-Evidenz und den Empfehlungen der S3-Leitlinie Demenzen.
Spielen ist kein Kinderkram – für Menschen mit Demenz sind Spiele eine der wirksamsten nicht-medikamentösen Interventionen überhaupt. Die Cochrane-Übersichtsarbeit von Woods et al. (2012) belegt, dass kognitive Stimulationstherapie (CST) die Kognition und Lebensqualität bei leichter bis mittelschwerer Demenz signifikant verbessert – vergleichbar mit der Wirkung von Cholinesterasehemmern wie Donepezil.
Dieser Ratgeber zeigt Ihnen konkret, welche Spiele in welchem Demenzstadium geeignet sind, worauf Sie bei der Auswahl achten müssen und wie Sie Spielregeln so anpassen, dass Erfolgserlebnisse statt Frustration entstehen. Für ein umfassendes Programm mit wissenschaftlich fundierten Übungen empfehlen wir unseren Ratgeber Gedächtnistraining für Senioren.
Warum Spiele bei Demenz wirken: Neuroplastizität, kognitive Reserve & Lebensqualität
Die wissenschaftliche Grundlage für Demenz-Spiele ist solide: Die S3-Leitlinie Demenzen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) empfiehlt kognitive Stimulation mit Evidenzgrad B für alle Demenzstadien.
Kognitive Reserve nach Stern: Warum Aktivität schützt
Der Neuropsychologe Yaakov Stern (Columbia University) prägte das Konzept der kognitiven Reserve: Menschen mit höherer geistiger Aktivität kompensieren Hirnschäden länger, bevor klinische Symptome auftreten. Spiele aktivieren genau diese Kompensationsnetzwerke – auch wenn die Grunderkrankung fortschreitet. Wer sich fragt, ob altersbedingte Gedächtnisprobleme bereits Anlass zur Sorge geben, findet in regelmäßiger geistiger Aktivität eine der besten Präventionsmaßnahmen.
Cochrane-Evidenz: Was kognitive Stimulation bewirkt
Die Cochrane-Metaanalyse von Woods et al. (2012) fasst 15 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit 718 Teilnehmern zusammen. Die Ergebnisse:
- Kognition (MMST): Signifikante Verbesserung um durchschnittlich 1,74 Punkte auf dem Mini-Mental-Status-Test nach Folstein – das entspricht etwa dem Effekt von 6 Monaten Donepezil-Therapie.
- Lebensqualität (QoL-AD): Signifikante Verbesserung der selbst eingeschätzten Lebensqualität nach Logsdon.
- Kommunikation & Sozialverhalten: Verbesserte Interaktion in Gruppenaktivitäten (gemessen mit dem Holden Communication Scale).
- BPSD-Reduktion: Rückgang von Verhaltensauffälligkeiten wie Agitation und Apathie (Neuropsychiatric Inventory nach Cummings).
Prozedurale Gedächtnissysteme: Warum Spielen so lange funktioniert
Bei der Alzheimer-Demenz sind zuerst das episodische Gedächtnis (Hippocampus) und das semantische Wissen (Temporallappen) betroffen. Das prozedurale Gedächtnis (Basalganglien, Kleinhirn) bleibt dagegen bis weit in die schwere Phase erhalten. Deshalb können viele Betroffene noch Würfeln, Karten mischen, Lieder mitsingen oder Tanzschritte ausführen, obwohl sie neue Informationen nicht mehr speichern können.
Übersicht: Demenz Spiele nach Stadium, MMST-Wert & Spieltyp
Die folgende Tabelle ordnet die wichtigsten Spielkategorien den drei klinischen Stadien zu – gemessen am Mini-Mental-Status-Test (MMST) nach Folstein und der Global Deterioration Scale (GDS) nach Reisberg.
| Stadium | MMST | GDS | Geeignete Spiele | Ziel | Dauer |
|---|---|---|---|---|---|
| Leicht Frühstadium | 18–24 | 4 | Memory, Puzzle, Wortspiele, Schach (vereinfacht), Quiz, Kartenspiele, Brettspiele | Kognitive Stimulation, soziale Teilhabe | 30–60 Min. |
| Mittel Mittleres Stadium | 10–18 | 5–6 | Bilder-Bingo, Vertellekes, Singkreis, Sitztanz, Ballspiele, Fühlsäckchen | Emotionale Aktivierung, Bewegung, Sinnesstimulation | 15–30 Min. |
| Schwer Spätstadium | 0–9 | 7 | Basale Stimulation, Handmassage, Musikhören, Tastmaterialien, Snoezelen | Wohlbefinden, sensorische Anregung, Kontakt | 5–15 Min. |
Spiele für leichte Demenz (MMST 18–24): Memory, Puzzle & Wortspiele
Im Frühstadium sind die kognitiven Einschränkungen noch moderat – häufig hat der Weg mit Vergesslichkeit im Alter begonnen, die sich allmählich verstärkt hat. Betroffene können Spielregeln verstehen, Strategien entwickeln und aktiv an Gesellschaftsspielen teilnehmen. Der Schlüssel liegt darin, vertraute Spiele beizubehalten und die Komplexität sanft zu reduzieren.
Memory & Memo-Spiele: Visuelles Gedächtnistraining nach Montessori
Das klassische Memory-Spiel (Ravensburger, seit 1959) lässt sich ideal anpassen. Cameron Camp (Myers Research Institute) hat mit seinem Montessori-Based Dementia Programming gezeigt, dass vereinfachte Zuordnungsaufgaben das prozedurale Lernen fördern und Erfolgserlebnisse schaffen. Wer über einfache Zuordnungsspiele hinaus strukturierte kognitive Übungen sucht, findet in unserem Ratgeber zum interaktiven Gedächtnistraining ein umfassendes Programm für jedes Leistungsniveau.
- Anpassung: Verwenden Sie nur 8–12 Paare statt 32. Wählen Sie große, kontrastreiche Bilder mit klaren Motiven (Tiere, Obst, Alltagsgegenstände).
- Variante „Offenes Memory“: Die Hälfte der Karten liegt offen – der Spieler sucht das passende Gegenstück unter den verdeckten Karten. Das reduziert die Gedächtnislast erheblich.
- Biografisches Memory: Erstellen Sie Karten mit persönlichen Fotos (Hochzeit, Urlaub, Haustiere). Autobiografische Erinnerungen sind im Langzeitgedächtnis oft noch erstaunlich gut erhalten.
Memory – Jetzt ausprobieren
Finden Sie die 6 passenden Bildpaare. Klicken Sie auf eine Karte, um sie umzudrehen. Dieses vereinfachte Memory mit großen Symbolen eignet sich ideal für das gemeinsame Spielen mit Ihrem Angehörigen – gerade pflegende Angehörige bei Demenz profitieren von solchen gemeinsamen Aktivitäten.
Puzzle & Legespiele: Räumliches Denken fördern
Puzzle aktivieren visuell-räumliche Fähigkeiten (Parietallappen) und bieten ein greifbares Erfolgserlebnis. Die Ergotherapeutin Gudrun Schaade (Autorin von „Ergotherapie bei Demenz“, Springer) empfiehlt:
- 12–48 Teile mit großen, griffigen Stücken
- Klare, kontrastreiche Motive (Landschaften, Blumen, historische Stadtansichten)
- Spezialpuzzle mit Holzrahmen (z. B. von Active Minds oder Relish)
- Die Vorlage sichtbar daneben legen – kein Auswendig-Puzzeln
Wort- und Ratespielen: Sprachliche Aktivierung nach Lutz
Die Gedichttherapeutin Natali Mallek und die Sozialpädagogin Annika Schneider (Mal-alt-werden.de) haben zahlreiche erprobte Wortspiele für die Seniorenarbeit entwickelt. Bewährte Formate:
- Sprichwörter ergänzen: „Morgenstund hat Gold im …“ – Sprichwörter sind tief im semantischen Langzeitgedächtnis verankert und werden selbst bei mittelschwerer Demenz noch abgerufen.
- ABC-Spiel: „Nennen Sie Tiere mit A, B, C …“ – trainiert das lexikalische Abrufen (phonematische Flüssigkeit).
- Reimwörter finden: „Was reimt sich auf Haus?“ – aktiviert phonologische Netzwerke.
- Liederquiz: Die erste Zeile eines Volkslieds vorsingen („Am Brunnen vor dem Tore …“) – Betroffene singen häufig den gesamten Text mit.
Sprichwörter-Quiz – Jetzt ausprobieren
Ergänzen Sie das Sprichwört! Wählen Sie die richtige Antwort aus. Sprichwörter sind tief im Langzeitgedächtnis verankert – probieren Sie dieses Quiz gemeinsam mit Ihrem Angehörigen.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Spiele für mittelschwere Demenz (MMST 10–18): Bingo, Vertellekes & Bewegung
Im mittleren Stadium sind abstrakte Regeln kaum noch verständlich. Spiele müssen jetzt multisensorisch, emotional ansprechend und körperlich aktivierend sein. Der Schwerpunkt verschiebt sich von kognitiver Leistung zu Freude, Gemeinschaft und Bewegung.
Bilder-Bingo: Der Klassiker für Gruppenarbeit in Pflegeeinrichtungen
Bingo ist eines der wirksamsten Gruppenspiele in der stationären Pflege. Statt Zahlen werden Bilder verwendet – die Zuordnung gelingt über visuelle Mustererkennung, die länger erhalten bleibt als das Zahlenverständnis.
- Große Bildkarten (mindestens 10 × 10 cm) mit klaren Motiven
- 4–6 Bilder pro Spielfeld (nicht mehr – Überforderung vermeiden)
- Themenfelder: Obst & Gemüse, Tiere, Jahreszeiten, Berufe, Küchenutensilien
- Der Spielleiter zeigt und benennt jedes Bild laut – so wird zusätzlich die Sprache aktiviert
Bilder-Bingo – Jetzt ausprobieren
Klicken Sie auf „Nächstes Bild ziehen“ – wenn das gezogene Bild auf Ihrem Spielfeld ist, tippen Sie darauf! Finden Sie alle 9 Bilder, haben Sie gewonnen. Spielen Sie gemeinsam – wer findet das Bild zuerst?
Vertellekes: Das Gesellschaftsspiel für Menschen mit Demenz
Vertellekes (niederrheinisch für „Erzählchen“) wurde von der Sozialpädagogin Andrea Friese speziell für die Betreuung demenzkranker Menschen entwickelt und vom Vincentz-Verlag herausgegeben. Es ist das meistverkaufte Demenz-Brettspiel im deutschsprachigen Raum.
- Spielprinzip: Kein Gewinner, kein Verlierer. Die Teilnehmer würfeln und landen auf farbigen Feldern, die zu Erzählkarten, Bewegungsaufgaben, Liedern oder Sinnesübungen führen.
- Erzählkarten: „Was haben Sie früher zum Frühstück gegessen?“ – aktivieren das autobiografische Langzeitgedächtnis.
- Bewegungskarten: „Klatschen Sie dreimal in die Hände“ – fördern Motorik und Koordination.
- Liedkarten: „Singen Sie die erste Strophe von ›Hoch auf dem gelben Wagen‹“ – musikalische Erinnerungen bleiben besonders lange erhalten.
Sitztanz & Bewegungsspiele: Körperliche Aktivierung nach Hölter
Der Sportwissenschaftler Gerd Hölter (TU Dortmund) hat die positiven Effekte von Bewegung auf Demenzpatienten systematisch erforscht. Die Lancet Commission on Dementia (Livingston et al., 2020) benennt körperliche Aktivität als einen der 12 modifizierbaren Risikofaktoren für Demenz.
- Sitztanz: Teilnehmer sitzen im Kreis und führen choreografierte Arm- und Oberkörperbewegungen zu Musik aus. Beliebte Titel: „Kufsteiner Lied“, „Rote Rosen, rote Lippen“, „An der Nordseeküste“.
- Ballspiele im Sitzkreis: Einen leichten Softball hin- und herwerfen oder -rollen. Fördert Auge-Hand-Koordination und soziale Interaktion. Variante: Ball werfen und dabei den eigenen Namen nennen.
- Schwungtuch-Spiele: 6–10 Teilnehmer halten ein großes Schwungtuch und bewegen gemeinsam Bälle darauf. Stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Oberkörpermuskulatur.
- Kegeln im Sitzen: Plastikkegel werden mit einem weichen Ball vom Stuhl aus umgeworfen. Einfache Regeln, großer Spaßfaktor, bekanntes Spielprinzip aus der Biografie.
Fühlspiele & sensorische Aktivierung: Montessori-Prinzip in der Demenzpflege
Cameron Camp hat das Montessori-Prinzip („Hilf mir, es selbst zu tun“) auf die Demenzpflege übertragen. Sensorische Materialien sprechen den Tastsinn an und schaffen Zugänge, wenn verbale Kommunikation schwieriger wird.
- Fühlsäckchen: Verschiedene Materialien (Reis, Sand, Wolle, Muscheln) ertasten und benennen
- Sortieraufgaben: Knöpfe nach Farbe oder Größe sortieren
- Duftraten: Lavendel, Zimt, Kaffee – Geruchssinn weckt Erinnerungen
- Tastbretter: Holz, Samt, Schmirgelpapier, Fell – verschiedene Oberflächen erkunden
Spiele für schwere Demenz (MMST 0–9): Basale Stimulation & Snoezelen
Im Spätstadium sind klassische Spiele nicht mehr möglich. Stattdessen treten sensorische Angebote in den Vordergrund, die Wohlbefinden und menschlichen Kontakt ermöglichen. Das Konzept der Basalen Stimulation nach Andreas Fröhlich und Christel Bienstein bildet hierbei die Grundlage.
Musik als therapeutischer Zugang: Evidenz nach Särkämö
Der finnische Neurowissenschaftler Teppo Särkämö (Universität Helsinki) hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass vertraute Musik bei schwerer Demenz Emotionen, Aufmerksamkeit und sogar kurzzeitige Erinnerungen aktiviert. Die Cochrane-Übersicht von van der Steen et al. (2018) bestätigt signifikante Effekte von Musikinterventionen auf Agitation, Angst und Depression bei Demenz.
- Persönliche Playlists: Lieder aus der Jugend (15–25 Jahre) des Betroffenen zusammenstellen. Die Musiktherapeutin Dorothea Muthesius (Universität der Künste Berlin) empfiehlt täglich 20–30 Minuten vertraute Musik über Kopfhörer.
- Aktives Musizieren: Einfache Rhythmusinstrumente (Rassel, Triangel, Handtrommel) in die Hand geben – selbst bei schwerer Demenz können Betroffene rhythmisch mitschlagen.
- Summen und Singen: Auch wenn Worte fehlen, können viele Betroffene noch Melodien summen. Das gemeinsame Summen schafft emotionalen Kontakt.
Snoezelen & multisensorische Umgebungen
Snoezelen (niederländisches Kunstwort aus snuffelen = schnuppern und doezelen = dösen) wurde in den 1970er-Jahren in den Niederlanden entwickelt. In speziell eingerichteten Räumen werden Licht, Klang, Duft und Berührung kombiniert.
- Blasensäulen mit wechselnden Farben – visuelle Stimulation
- Wasserbett oder Vibrationsmatratze – vestibuläre und propriozeptive Reize
- Duftlampen mit ätherischen Ölen (Lavendel, Orange) – olfaktorische Anregung
- Weiche Materialien und Kuscheltiere – taktile Stimulation
Handmassage & basale Berührung: Kontakt ohne Worte
Wenn verbale Kommunikation unmöglich wird, bleibt Berührung der letzte Zugangsweg. Christel Bienstein (Universität Witten/Herdecke) hat die Initialberührung als Schlüsselkonzept der Basalen Stimulation beschrieben: Eine klare, sanfte Berührung an der Schulter signalisiert „Ich bin da“, bevor jede weitere Handlung beginnt.
- Handmassage: 5–10 Minuten mit einer duftenden Handcreme – reduziert Agitation nachweislich (Snyder et al., 1995)
- Fußbad: Warmes Wasser mit Lavendelöl – somatische und olfaktorische Stimulation
- Bürsten & Eincremen: Ganztägiges Pflegeangebot als sensorische Aktivierung nutzen
Brettspiele & Kartenspiele: Klassiker angepasst für Menschen mit Demenz
Viele Betroffene haben ihr ganzes Leben Karten- und Brettspiele gespielt. Diese tief verankerten Spielerfahrungen lassen sich nutzen – wenn die Regeln vereinfacht werden. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) empfiehlt in ihrer Broschüre „Gemeinsam aktiv“, vertraute Spiele nicht durch neue zu ersetzen, sondern anzupassen.
Kartenspiele: Skat, Rommé & Uno vereinfachen
- Schwarzer Peter / Quartett: Einfache Zuordnung (gleiche Bilder sammeln) funktioniert bis ins mittlere Stadium. Verwenden Sie Karten mit großen, klaren Bildern.
- Uno (vereinfacht): Nur nach Farbe spielen (ohne Sonderkarten). Die klaren Farben sind gut erkennbar, das Spielprinzip „gleiche Farbe auf gleiche Farbe“ ist intuitiv.
- Skat / Doppelkopf: Viele ältere Männer haben jahrzehntelang Skat gespielt. Im Frühstadium können sie oft noch mitspielen, wenn die Mitspieler geduldig sind und dezent helfen.
- Rommé (reduziert): Nur Dreiergruppen legen (keine Straßen), offene Karten für den Betroffenen, Handkarten auf maximal 7 reduzieren.
Brettspiele: Mensch-ärgere-Dich-nicht, Halma & Würfelspiele
- Mensch-ärgere-Dich-nicht: Das bekannteste deutsche Brettspiel (Schmidt Spiele, seit 1914). Die Regeln sind vielen Senioren seit der Kindheit vertraut. Vereinfachung: Rauswerfen weglassen – alle spielen entspannt nebeneinander.
- Große Würfel: Schaumstoff-Würfel (15–20 cm Kantenlänge) sind leichter zu greifen und zu werfen. Die taktile Erfahrung verstärkt die Spielfreude.
- Spezial-Brettspiele: „Der Waldspaziergang“ (Verlag an der Ruhr) – ein kooperatives Spiel, bei dem alle gemeinsam durch den Wald wandern und unterwegs Aufgaben lösen.
Digitale Spiele & Apps: Tablet-Anwendungen für kognitive Aktivierung
Digitale Angebote sind kein Ersatz für menschliche Interaktion, aber eine sinnvolle Ergänzung. Die digitale Therapie hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Besonders vielversprechend sind interaktive Gedächtnistraining-Programme, die sich automatisch an das Leistungsniveau anpassen. Wichtig: Touchscreens sind für viele Senioren intuitiver als Maus und Tastatur, da die direkte Finger-Bildschirm-Interaktion dem natürlichen Greifen entspricht.
MemoreBox: Bewegungsspiele per Gestensteuerung
Die MemoreBox (Retrobrain) ist ein gestengesteuertes Spielsystem, das vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert wurde. Per Kamera werden Arm- und Körperbewegungen erfasst – ohne Controller. Spiele umfassen Kegeln, Motorrad fahren, Briefträger und Tanzen. Eine Studie der Charité Berlin zeigte signifikante Verbesserungen der Mobilität und Kognition bei Pflegeheimbewohnern – Faktoren, die auch die Lebenserwartung positiv beeinflussen.
Media4Care: Tablet für Senioren und Demenzkranke
Media4Care bietet ein speziell für Senioren und Menschen mit Demenz konfiguriertes Tablet mit vereinfachter Oberfläche. Enthalten sind Spiele (Memory, Quiz, Puzzle), Musikfunktionen, Fotoalben und Betreuungsanleitungen für Angehörige.
Weitere digitale Angebote
- Memore (Ilmenauer Gedächtnistraining): App mit kognitivem Training, das sich automatisch an das Leistungsniveau anpasst.
- Stiftung Warentest: Hat 2023 mehrere Demenz-Apps getestet. Empfohlen werden Apps mit großer Schrift, einfacher Navigation und fehlertoleranter Bedienung.
- Tablets generell: Ein iPad oder Android-Tablet mit aktiviertem „Bedienhilfen“-Modus (große Symbole, vereinfachter Startbildschirm) kann für Fotos, Musik und einfache Spiele genutzt werden.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Musik- & Singspiele: Volkslieder, Schlager & Rhythmus als Gedächtnisbrücke
Musik ist der mächtigste Schlüssel zum emotionalen Gedächtnis. Die Amygdala und der auditorische Kortex bleiben bei Alzheimer-Demenz verhältnismäßig lange intakt. Selbst Patienten, die keine Worte mehr sprechen, können oft noch ganze Liedstrophen mitsingen.
Singkreis nach dem Konzept der Musikgeragogik
Die Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik (DGfMG) bildet Fachkräfte aus, die Musik gezielt in der Seniorenarbeit einsetzen. Ein Singkreis für Demenzkranke folgt klaren Prinzipien:
- Bekannte Lieder wählen: Volkslieder („Kein schöner Land“, „Im Frühtau zu Berge“), Schlager der 1950er–1970er („Griechischer Wein“ von Udo Jürgens, „Tulpen aus Amsterdam“), Kirchenlieder („Großer Gott, wir loben Dich“).
- Liedtexte in Großdruck: DIN-A3-Blätter mit Schriftgröße 20–24 Punkt, serifenlose Schrift, starker Kontrast (schwarz auf weiß).
- Gitarre oder Akkordeon: Live-Begleitung ist wirksamer als Tonträger, da der Musiker Tempo und Lautstärke an die Gruppe anpassen kann.
- 10–15 Teilnehmer: Sitzkreis, Blickkontakt halten, jeder darf so laut oder leise singen wie er möchte.
Musikquiz & Melodienraten
- Lied anstimmen – Titel erraten: Die Betreuungskraft summt oder spielt die ersten Takte – die Gruppe rät den Titel. Auch wenn der Titel nicht benannt werden kann, singen viele mit.
- Musikalisches Zuordnungsspiel: Bilder (Berge, Meer, Weihnachtsbaum) den passenden Liedern zuordnen – verbindet visuelle und auditive Verarbeitung.
- Rhythmische Klatschspiele: Der Spielleiter klatscht einen Rhythmus vor, die Gruppe klatscht nach. Einfach, wirksam, hebt die Stimmung.
Spielregeln anpassen: 10 goldene Regeln für Angehörige & Pflegekräfte
Die Ergotherapeutin Gudrun Schaade und der Geriater Prof. Lutz Frölich (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, ZI) betonen: Nicht das Spiel an sich ist entscheidend, sondern wie es gespielt wird. Falsch eingesetzte Spiele können Überforderung, Frustration und Rückzug verursachen.
- Keine Kinderversion: Verwenden Sie altersgerechte Motive und Materialien. Erwachsene verdienen Respekt – Spiele mit Kindermotiven (Comicfiguren, bunte Tierbabys) sind würdeverletzend.
- Wettbewerb vermeiden: Gewinner-Verlierer-Situationen erzeugen Stress. Spielen Sie miteinander, nicht gegeneinander. Entfernen Sie Zeitlimits und Punktezählungen.
- Erfolg ermöglichen: Passen Sie den Schwierigkeitsgrad so an, dass der Betroffene in 70–80 % der Aufgaben erfolgreich ist. Zu leicht ist langweilig, zu schwer frustrierend.
- Kurze Einheiten: 15–30 Minuten reichen oft völlig aus. Beobachten Sie die Aufmerksamkeit – bei Unruhe oder Blickabwendung sofort aufhören.
- Vertraute Spiele bevorzugen: Ein lebenslanges Skat-Ritual ist wertvoller als ein neues „Demenz-Spiel“. Biografische Spielvorlieben erfragen (Angehörige, Pflegedokumentation).
- Tageszeit beachten: Die meisten Demenzkranken sind vormittags am leistungsfähigsten. Vermeiden Sie Spiele am späten Nachmittag, wenn das Sundowning-Phänomen einsetzen kann.
- Fehler ignorieren: Korrigieren Sie niemals falsche Antworten. Stattdessen: „Das ist eine tolle Idee – es könnte auch XY sein, was meinen Sie?“
- Multisensorisch arbeiten: Kombinieren Sie Sehen, Hören, Tasten und Riechen in einem Spiel. Je mehr Sinneskanäle angesprochen werden, desto besser die Verankerung.
- Anleiten statt erklären: Lange verbale Erklärungen überfordern. Stattdessen: Vormachen, Hand führen, gemeinsam anfangen. Das Montessori-Prinzip „Modeling“ von Cameron Camp wirkt hier optimal.
- Selbst Spaß haben: Demenzkranke spüren emotionale Stimmungen sehr genau. Wenn Sie selbst Freude am Spiel zeigen, überträgt sich das. Spielen Sie nicht „für“ den Betroffenen, sondern mit ihm.
Finanzierung von Demenz-Spielen: Entlastungsbetrag, Betreuungsgruppen & SGB XI
Spielmaterialien und Betreuungsangebote sind in vielen Fällen über die Pflegeversicherung nach SGB XI finanzierbar – Voraussetzung ist ein anerkannter Pflegegrad bei Demenz. Damit Angehörige solche Leistungen beantragen können, ist eine gültige Vollmacht für Demenzkranke oft unbedingt notwendig. Hier die wichtigsten Möglichkeiten:
Entlastungsbetrag nach § 45b SGB XI: 125 € monatlich
Ab Pflegegrad 1 steht jedem Pflegebedürftigen ein Entlastungsbetrag von 125 € pro Monat zu. Dieser kann für anerkannte Betreuungsangebote verwendet werden, in denen Spiele und Aktivierungen stattfinden – etwa Betreuungsgruppen der Alzheimer Gesellschaft, Tagespflegeeinrichtungen oder zugelassene Betreuungsdienste nach Landesrecht. Darüber hinaus lässt sich auch die Verhinderungspflege für stundenweise Betreuungsangebote mit Spielaktivierung einsetzen.
Tagespflege nach § 41 SGB XI: Professionelle Aktivierung
In Tagespflegeeinrichtungen werden Spiele, Bewegung und kognitive Aktivierung professionell angeleitet. Die Kosten werden zusätzlich zum ambulanten Pflegegeld übernommen:
- Pflegegrad 2: 689 €/Monat für Tagespflege
- Pflegegrad 3: 1.298 €/Monat
- Pflegegrad 4: 1.612 €/Monat
- Pflegegrad 5: 1.995 €/Monat
Verhinderungspflege & Kurzzeitpflege nach §§ 39/42 SGB XI
Die Verhinderungspflege bei Demenz (1.612 €/Jahr) und Kurzzeitpflege (1.774 €/Jahr) können auch für stundenweise Betreuung genutzt werden, in der Spielangebote und Aktivierung stattfinden. Diese Leistungen dienen gleichzeitig der Entlastung für Angehörige, die im Pflegealltag dringend Auszeiten benötigen.
Hilfsmittel & Spielmaterial: Was die Kasse übernimmt
Spezielle Hilfsmittel wie die MemoreBox sind unter bestimmten Voraussetzungen als Pflegehilfsmittel nach § 40 SGB XI erstattungsfähig. Klassische Spielmaterialien (Memory, Puzzle, Brettspiele) müssen privat angeschafft werden – die Kosten liegen zwischen 10 und 80 € pro Spiel.
Praxistipps für den Alltag: So gelingt das Spielen zu Hause
Das Spielen mit einem demenzkranken Angehörigen zu Hause erfordert Geduld, Kreativität und die Bereitschaft, loszulassen – von perfekten Regeln, von Gewinnen und Verlieren, von Erwartungen. Damit Sie als Angehöriger handlungsfähig bleiben, sollten Sie frühzeitig auch an die Vorsorgevollmacht bei Demenz denken. Hier sind bewährte Strategien aus der Praxis:
Die Spielumgebung vorbereiten
- Ruhige Umgebung: Fernseher und Radio ausschalten. Reizüberflutung ist der größte Feind der Konzentration bei Demenz.
- Gute Beleuchtung: Mindestens 500 Lux am Spieltisch. Viele Senioren haben zusätzlich eine Makuladegeneration oder Katarakt – helles, blendfreies Licht ist essenziell.
- Aufgeräumter Tisch: Nur das Spielmaterial auf dem Tisch – keine Zeitungen, Gläser oder Deko. Weniger ist mehr.
- Bequeme Sitzposition: Stabile Stühle mit Armlehnen. Der Betroffene sollte den Tisch gut erreichen können.
Spielideen ohne Material: Sofort einsetzbare Aktivierungen
- „Ich sehe was, was du nicht siehst“: Visuelles Suchspiel in der eigenen Wohnung – trainiert Aufmerksamkeit und Kommunikation.
- Sprichwörter-Runde: Sie beginnen „Wer den Pfennig nicht ehrt …“ – der Betroffene ergänzt. Funktioniert erstaunlich lange.
- Gemeinsam kochen oder backen: Rühren, Kneten, Teig ausrollen – sensorisch, motorisch und biografisch aktivierend. Ein Apfelkuchen nach Omas Rezept ist das beste „Spiel“.
- Fotos sortieren: Alte Fotos gemeinsam anschauen, nach Personen oder Anlässen sortieren. Aktiviert das autobiografische Gedächtnis und fördert Erzählen.
Checkliste: Demenz Spiele richtig einsetzen
Diese Punkte helfen Ihnen, Spielsituationen positiv zu gestalten und häufige Fehler zu vermeiden.

Demenz-Beratung
Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte
17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.
Anlaufstellen und Hilfsangebote
Die folgenden Organisationen bieten Informationen, Beratung und konkrete Spielmaterialien für die Betreuung von Menschen mit Demenz.
Quellenverzeichnis
Die Inhalte dieses Artikels basieren auf der aktuellen wissenschaftlichen Fachliteratur und den Leitlinien der Fachgesellschaften.
