Was ist Demenz und was sind die Ursachen? Der vollständige Grundlagen-Ratgeber

Was im Gehirn bei einer Demenz geschieht, welche Formen es gibt, worin sie sich unterscheiden und welche Ursachen und Risikofaktoren die Wissenschaft heute kennt.

Demenz ist keine einzelne Krankheit. Der Begriff beschreibt eine Gruppe von Symptomen, die durch den fortschreitenden Abbau geistiger Fähigkeiten entstehen – Gedächtnis, Denkvermögen, Orientierung, Sprache, Urteilsfähigkeit. Wenn diese Einbußen so stark werden, dass der Alltag nicht mehr selbständig bewältigt werden kann, sprechen Mediziner von Demenz.

In Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Die meisten von ihnen sind über 65 Jahre alt. Mit steigender Lebenserwartung wird diese Zahl weiter wachsen. Doch Demenz ist kein unausweichliches Schicksal des Alters – und sie ist mehr als bloße Vergesslichkeit.

Dieser Ratgeber erklärt Ihnen, was im Gehirn bei einer Demenz geschieht, welche Formen es gibt, worin sie sich unterscheiden und welche Ursachen und Risikofaktoren die Wissenschaft heute kennt. Sie erfahren auch, welche dieser Risikofaktoren Sie selbst beeinflussen können.

Was genau passiert im Gehirn bei Demenz?

Das menschliche Gehirn besteht aus rund 86 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über Synapsen miteinander kommunizieren. An diesen Synapsen werden chemische Botenstoffe – sogenannte Neurotransmitter – freigesetzt, die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen. Einer der wichtigsten Neurotransmitter für Lernen und Gedächtnis ist Acetylcholin.

Bei einer Demenz sterben Nervenzellen ab und Synapsen gehen verloren. Je nachdem, welche Hirnregionen betroffen sind, entstehen unterschiedliche Symptome. Sind Zellen im Hippocampus betroffen – der zentralen Schaltstelle für das Gedächtnis – leidet vor allem die Fähigkeit, neue Informationen zu speichern. Breitet sich der Abbau auf den Kortex aus, die äußere Schicht des Großhirns, kommen Störungen in Sprache, räumlicher Orientierung, Planung und Urteilsvermögen hinzu.

Dieser Prozess verläuft schleichend. Die ersten Veränderungen im Gehirn beginnen oft Jahrzehnte, bevor die ersten Symptome sichtbar werden. Das Gehirn kompensiert den Verlust lange Zeit – bis die Reserve aufgebraucht ist.

Demenz ist nicht gleich Demenz – Die verschiedenen Formen

Hinter dem Oberbegriff Demenz verbergen sich über 50 verschiedene Erkrankungen. Jede hat eigene Ursachen, einen eigenen Verlauf und ein eigenes Symptomprofil. Die wichtigsten Formen im Überblick:

Alzheimer-Krankheit

Die Alzheimer-Krankheit ist mit Abstand die häufigste Demenzform. Rund 60 bis 70 Prozent aller Demenzen gehen auf Alzheimer zurück.

Was passiert im Gehirn? Bei Alzheimer lagern sich zwei Arten von Proteinen krankhaft im Gehirn ab. Zwischen den Nervenzellen bilden sich Plaques aus Beta-Amyloid – einem Eiweißbruchstück, das normalerweise abgebaut wird, sich bei Alzheimer aber verklumpt und ablagert. Innerhalb der Nervenzellen verändert sich das Tau-Protein. Normalerweise stabilisiert Tau die innere Struktur der Zelle. Bei Alzheimer löst es sich ab und bildet sogenannte Neurofibrillen – verdrillte Proteinfäden, die die Zelle von innen zerstören.

Diese beiden Prozesse – Amyloid-Plaques außen, Neurofibrillen innen – führen zum Absterben der Nervenzellen. Besonders früh betroffen ist der Hippocampus, weshalb Gedächtnisstörungen typischerweise das erste Symptom sind.

Typischer Verlauf: Alzheimer beginnt schleichend mit Vergesslichkeit für kürzlich Geschehenes. Im weiteren Verlauf kommen Wortfindungsstörungen, Orientierungsprobleme und Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben hinzu. Die Krankheit schreitet über mehrere Stadien voran – von leichten kognitiven Einbußen bis hin zu schwerer Pflegebedürftigkeit.

Vaskuläre Demenz

Die vaskuläre Demenz ist die zweithäufigste Form und für etwa 15 bis 20 Prozent aller Demenzen verantwortlich.

Was passiert im Gehirn? Anders als bei Alzheimer sind hier Durchblutungsstörungen die Ursache. Wenn Blutgefäße im Gehirn verengt oder verschlossen sind, werden Nervenzellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt – und sterben ab. Das kann durch einen großen Schlaganfall geschehen, aber häufiger sind es viele kleine, teils unbemerkte Durchblutungsstörungen (sogenannte Mikroinfarkte oder Lakunen), die sich über die Zeit summieren.

Typischer Verlauf: Im Gegensatz zum schleichenden Beginn der Alzheimer-Krankheit setzt die vaskuläre Demenz oft plötzlich ein – etwa nach einem Schlaganfall. Der Verlauf ist häufig stufenförmig: Phasen der Verschlechterung wechseln mit stabilen Phasen ab. Die Symptome hängen davon ab, welche Hirnregionen betroffen sind. Typisch sind verlangsamtes Denken, Konzentrationsprobleme, Planungsstörungen und Gangstörungen. Das Gedächtnis kann anfänglich noch relativ gut erhalten sein – ein wichtiger Unterschied zur Alzheimer-Krankheit.

Lewy-Körper-Demenz

Die Lewy-Körper-Demenz (auch Demenz mit Lewy-Körperchen) macht etwa 10 bis 15 Prozent aller Demenzen aus und wird häufig erst spät richtig diagnostiziert.

Was passiert im Gehirn? In den Nervenzellen lagern sich kugelförmige Eiweißablagerungen ab – die sogenannten Lewy-Körper. Sie bestehen hauptsächlich aus dem Protein Alpha-Synuclein und stören die Zellfunktion, bis die Zelle abstirbt. Lewy-Körper treten vor allem im Kortex und im Hirnstamm auf.

Typischer Verlauf: Charakteristisch für die Lewy-Körper-Demenz sind starke Schwankungen der geistigen Leistungsfähigkeit – manchmal innerhalb eines einzigen Tages. Betroffene können morgens klar und orientiert sein und nachmittags verwirrt. Weitere typische Symptome sind detailreiche visuelle Halluzinationen (Betroffene sehen Menschen oder Tiere, die nicht da sind), Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen wie Steifheit und Zittern sowie Störungen des REM-Schlafes. Die Gedächtnisstörungen treten oft erst im späteren Verlauf in den Vordergrund.

Wichtig: Menschen mit Lewy-Körper-Demenz reagieren häufig extrem empfindlich auf bestimmte Neuroleptika (Antipsychotika). Diese können die Symptome massiv verschlimmern. Eine korrekte Diagnose ist daher besonders wichtig.

Frontotemporale Demenz

Die frontotemporale Demenz (FTD) ist seltener als Alzheimer oder vaskuläre Demenz, aber sie hat eine Besonderheit: Sie beginnt häufig vor dem 65. Lebensjahr und trifft Menschen mitten im Berufsleben.

Was passiert im Gehirn? Bei der FTD sterben Nervenzellen vor allem im Stirnlappen (Frontallappen) und Schläfenlappen (Temporallappen) ab. Diese Hirnregionen steuern Persönlichkeit, Sozialverhalten, Impulskontrolle und Sprache. Je nachdem, welcher Bereich zuerst betroffen ist, zeigen sich zwei Hauptvarianten.

Verhaltensvariante: Veränderungen der Persönlichkeit stehen im Vordergrund. Betroffene werden enthemmt, taktlos, apathisch oder verlieren das Einfühlungsvermögen. Manche entwickeln zwanghaftes Verhalten oder verändern ihre Essgewohnheiten extrem. Das Gedächtnis bleibt anfänglich oft gut erhalten – weshalb die Erkrankung leicht mit einer psychischen Störung verwechselt wird.

Sprachvariante (primär progressive Aphasie): Hier stehen zunehmende Sprachprobleme im Vordergrund – entweder das Finden und Verstehen von Worten oder das flüssige Sprechen.

Parkinson-Demenz

Etwa 30 bis 40 Prozent aller Menschen mit Morbus Parkinson entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine Demenz. Die Parkinson-Demenz ähnelt in vielen Aspekten der Lewy-Körper-Demenz – in beiden Fällen spielen Lewy-Körper eine zentrale Rolle.

Unterscheidung zur Lewy-Körper-Demenz: Die klinische Unterscheidung erfolgt über den zeitlichen Ablauf. Wenn die Parkinson-typischen Bewegungsstörungen (Zittern, Steifheit, verlangsamte Bewegungen) mindestens ein Jahr vor den kognitiven Symptomen auftreten, spricht man von Parkinson-Demenz. Treten Demenz und Bewegungsstörungen ungefähr gleichzeitig oder die Demenz zuerst auf, handelt es sich um eine Lewy-Körper-Demenz.

Typischer Verlauf: Die kognitiven Einbußen bei Parkinson-Demenz betreffen vor allem Aufmerksamkeit, Planungsfähigkeit und visuell-räumliche Fähigkeiten. Auch Halluzinationen und Schwankungen der geistigen Leistungsfähigkeit können auftreten.

Mischdemenz

In der Realität liegen häufig mehrere Demenzursachen gleichzeitig vor. Die häufigste Kombination: Alzheimer-Krankheit plus vaskuläre Demenz. Autopsie-Studien zeigen, dass Mischformen deutlich häufiger sind, als die klinische Diagnose vermuten lässt – besonders bei hochaltrigen Patienten.

Die Mischdemenz ist klinisch relevant, weil sie die Prognose und die Behandlung beeinflusst. Wenn neben Alzheimer-Veränderungen auch Durchblutungsstörungen vorliegen, schreitet der kognitive Abbau in der Regel schneller voran. Gleichzeitig eröffnet die vaskuläre Komponente Möglichkeiten der Behandlung: Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes lassen sich medikamentös kontrollieren und können den Verlauf bremsen.

6 Demenzformen im Vergleich

Seltene und reversible Ursachen

Nicht jede Demenz ist irreversibel. In etwa fünf bis zehn Prozent der Fälle liegen behandelbare Ursachen vor, die – rechtzeitig erkannt – teilweise oder vollständig rückgängig gemacht werden können:

  • Normaldruckhydrozephalus: Flüssigkeitsstau im Gehirn, der auf das Gewebe drückt. Typische Trias: Gangstörung, Harninkontinenz, Demenz. Behandlung durch operative Ableitung der Flüssigkeit (Shunt).
  • Vitamin-B12-Mangel: Ein chronischer Mangel kann zu kognitiven Störungen führen, die durch Supplementierung gebessert werden können.
  • Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose): Starke Unterfunktion kann demenztypische Symptome verursachen, die unter Hormontherapie zurückgehen.
  • Depression (Pseudodemenz): Schwere Depressionen im Alter können kognitive Symptome hervorrufen, die einer Demenz ähneln. Unter antidepressiver Behandlung bessern sich diese.
  • Medikamentennebenwirkungen: Bestimmte Medikamente – insbesondere mit anticholinerger Wirkung, Benzodiazepine oder einige Blutdrucksenker – können kognitive Störungen auslösen, die nach Absetzen oder Umstellung zurückgehen.

Deshalb ist eine gründliche diagnostische Abklärung bei Demenzverdacht so wichtig: Behandelbare Ursachen müssen zuverlässig erkannt oder ausgeschlossen werden.

Risikofaktoren: Was das Demenzrisiko beeinflusst

Die Ursachen einer Demenz sind fast immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Manche davon lassen sich nicht beeinflussen. Andere sehr wohl – und das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Demenzforschung.

Nicht beeinflussbare Risikofaktoren

Alter ist der stärkste Risikofaktor. Ab 65 verdoppelt sich das Demenzrisiko etwa alle fünf Jahre. Unter 65-Jährigen betrifft Demenz weniger als zwei Prozent, bei über 90-Jährigen liegt die Rate bei über 30 Prozent. Alter allein verursacht keine Demenz – aber es schafft die biologischen Bedingungen, unter denen Demenzprozesse leichter entstehen.

Genetik spielt bei den meisten Demenzformen eine Rolle, allerdings eine differenzierte. Die rein genetisch vererbten Formen (familiäre Alzheimer-Krankheit mit Mutationen in den Genen APP, PSEN1 oder PSEN2) sind extrem selten und machen weniger als ein Prozent aller Alzheimer-Fälle aus. Sie führen typischerweise zu einem sehr frühen Krankheitsbeginn, oft schon zwischen 30 und 60.

Deutlich relevanter ist das Gen ApoE4 (Apolipoprotein E4). Es verursacht keine Demenz, erhöht aber das Risiko. Wer eine Kopie des ApoE4-Gens trägt, hat ein etwa drei- bis vierfach erhöhtes Alzheimer-Risiko. Bei zwei Kopien steigt es auf das Acht- bis Zwölffache. Dennoch: Viele Träger des ApoE4-Gens erkranken nie, und viele Alzheimer-Patienten tragen das Gen nicht. ApoE4 ist ein Risikofaktor, kein Urteil.

Geschlecht beeinflusst das Risiko ebenfalls. Frauen erkranken häufiger an Alzheimer als Männer – auch wenn man die höhere Lebenserwartung berücksichtigt. Die Gründe sind noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden hormonelle Faktoren (Östrogenabfall nach der Menopause), genetische Unterschiede in der ApoE4-Wirkung und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gehirnstruktur.

Beeinflussbare Risikofaktoren – Die 12 Faktoren der Lancet-Kommission

Die Lancet-Kommission für Demenzprävention hat zwölf modifizierbare Risikofaktoren identifiziert, die zusammen für rund 40 Prozent aller Demenzen verantwortlich sein könnten. Das bedeutet: Fast die Hälfte aller Demenzfälle ließe sich theoretisch verhindern oder verzögern – durch gezielte Prävention über die gesamte Lebensspanne.

Diese zwölf Faktoren verteilen sich auf drei Lebensphasen:

Frühes Leben (bis 45)

Geringere Bildung: Menschen mit weniger Schulbildung haben ein höheres Demenzrisiko. Bildung stärkt die sogenannte kognitive Reserve – die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren. Je mehr neuronale Verbindungen aufgebaut wurden, desto länger kann das Gehirn Verluste ausgleichen, bevor Symptome auftreten.

Mittleres Leben (45 bis 65)

Hörverlust: Der stärkste einzelne modifizierbare Risikofaktor. Unbehandelter Hörverlust führt zu sozialer Isolation, verringerter kognitiver Stimulation und beschleunigtem Hirnabbau in den Hörzentren. Die Versorgung mit Hörgeräten kann dieses Risiko reduzieren.

Schädel-Hirn-Trauma: Schwere oder wiederholte Kopfverletzungen erhöhen das Demenzrisiko. Das betrifft besonders Kontaktsportarten und Berufe mit erhöhtem Verletzungsrisiko.

Bluthochdruck: Chronisch erhöhter Blutdruck schädigt die kleinen Blutgefäße im Gehirn und fördert sowohl vaskuläre Demenz als auch Alzheimer. Die konsequente Blutdruckkontrolle im mittleren Lebensalter senkt das spätere Demenzrisiko nachweislich.

Übermäßiger Alkoholkonsum: Regelmäßiger hoher Alkoholkonsum schädigt das Gehirn direkt und erhöht das Risiko für alkoholbedingte Demenz sowie für andere Demenzformen.

Adipositas (starkes Übergewicht): Übergewicht im mittleren Lebensalter ist mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden. Die Mechanismen umfassen chronische Entzündungsprozesse, Insulinresistenz und Gefäßschäden.

Spätes Leben (ab 65)

Diabetes mellitus Typ 2: Diabetes erhöht das Demenzrisiko um 50 bis 100 Prozent. Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte schädigen Blutgefäße und Nervenzellen, fördern Entzündungen und beeinträchtigen den Insulinstoffwechsel im Gehirn – Insulin spielt dort eine wichtige Rolle bei Gedächtnisprozessen.

Rauchen: Rauchen schädigt die Blutgefäße, fördert oxidativen Stress und chronische Entzündungen. Raucher haben ein deutlich höheres Demenzrisiko als Nichtraucher. Ein Rauchstopp senkt das Risiko – in jedem Alter.

Depression: Chronische oder wiederkehrende Depressionen sind ein eigenständiger Risikofaktor für Demenz. Der Zusammenhang ist bidirektional: Depression erhöht das Demenzrisiko, und beginnende Demenz kann sich als Depression äußern. Anhaltend erhöhte Stresshormon-Spiegel (Cortisol) bei Depression schädigen den Hippocampus.

Bewegungsmangel: Körperliche Inaktivität im höheren Alter fördert den kognitiven Abbau. Regelmäßige Bewegung dagegen verbessert die Durchblutung des Gehirns, fördert die Bildung neuer Synapsen und reduziert Entzündungsmarker. Schon 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche zeigen messbare Schutzeffekte.

Soziale Isolation: Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte beschleunigen den kognitiven Abbau. Soziale Interaktion stimuliert das Gehirn auf vielfältige Weise – Gespräche, gemeinsame Aktivitäten und emotionale Bindungen halten kognitive Netzwerke aktiv.

Luftverschmutzung: Der neueste Faktor auf der Liste. Feinstaub und Stickoxide können über die Lunge ins Blut und über die Nase direkt ins Gehirn gelangen. Dort fördern sie Entzündungsreaktionen und beschleunigen neurodegenerative Prozesse. Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und Demenzrisiko.

Wie diese Risikofaktoren zusammenwirken

Keiner dieser Faktoren wirkt isoliert. Sie verstärken sich gegenseitig in einer Art Kaskade. Bluthochdruck fördert Gefäßschäden, die den Abtransport von Beta-Amyloid aus dem Gehirn behindern. Diabetes verstärkt Entzündungsprozesse, die den Nervenzellabbau beschleunigen. Bewegungsmangel begünstigt sowohl Bluthochdruck als auch Diabetes als auch Übergewicht. Soziale Isolation fördert Depression, die wiederum zu Bewegungsmangel führt.

Dieses Zusammenspiel erklärt, warum Demenz selten eine einzelne Ursache hat – und warum Prävention an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen sollte.

Dr. med. Klaus-Christopher Amelung

Demenz-Beratung

Dr. med. Klaus-Christopher Amelung – Ihr persönlicher Experte

17 Jahre Leiter einer Psychiatrischen Klinik. Er berät Patienten und Angehörige in den besonderen Belastungssituationen, die eine Demenz-Erkrankung mit sich bringt.

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Prävention: Was Sie selbst tun können

Die Forschung zeigt eindeutig: Ein gesunder Lebensstil senkt das Demenzrisiko, selbst bei genetischer Veranlagung. Träger des ApoE4-Gens, die auf Bewegung, Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit achten, haben ein deutlich geringeres Risiko als Träger, die es nicht tun.

Die wirksamsten Schutzfaktoren im Überblick:

  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung – idealerweise eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. Aerobes Training fördert die Durchblutung des Gehirns und stimuliert die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren (BDNF), die Nervenzellen schützen.
  • Geistige Aktivität: Lebenslanges Lernen, Lesen, neue Fähigkeiten erlernen. Nicht die Art der Aktivität zählt, sondern dass sie kognitiv fordernd ist. Kreuzworträtsel allein reichen nicht – das Gehirn braucht echte Herausforderungen.
  • Soziale Teilhabe: Regelmäßige soziale Kontakte, Vereinsmitgliedschaft, ehrenamtliches Engagement. Einsamkeit aktiv vermeiden.
  • Kardiovaskuläre Gesundheit: Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin kontrollieren. Was gut für das Herz ist, ist gut für das Gehirn.
  • Hörverlust behandeln: Regelmäßige Hörtests ab dem mittleren Alter. Bei Bedarf frühzeitig Hörgeräte anpassen lassen.
  • Gesunde Ernährung: Die mediterrane Ernährung zeigt in Studien die besten Ergebnisse – reich an Gemüse, Obst, Fisch, Olivenöl und Nüssen, arm an verarbeiteten Lebensmitteln und Zucker.
  • Ausreichend Schlaf: Während des Schlafs räumt das sogenannte glymphatische System Abfallstoffe aus dem Gehirn – darunter Beta-Amyloid. Chronischer Schlafmangel beeinträchtigt diesen Reinigungsprozess.
  • Nicht rauchen, wenig Alkohol: Jeder Rauchstopp lohnt sich. Alkohol in Maßen – oder besser gar nicht.

Demenz erkennen: Wann zum Arzt?

Nicht jede Vergesslichkeit ist Demenz. Es ist normal, gelegentlich einen Namen zu vergessen oder den Schlüssel zu verlegen. Bedenklich wird es, wenn sich solche Vorfälle häufen und der Alltag dadurch beeinträchtigt wird.

Anzeichen, die eine ärztliche Abklärung nahelegen:

  • Häufiges Vergessen von kürzlich Erlebtem oder Verabredungen
  • Schwierigkeiten bei vertrauten Aufgaben (Kochen, Überweisungen, Bedienung bekannter Geräte)
  • Probleme mit der zeitlichen und räumlichen Orientierung
  • Wortfindungsstörungen, die über gelegentliches Auf-der-Zunge-Liegen hinausgehen
  • Fehleinschätzungen und nachlassendes Urteilsvermögen
  • Rückzug aus sozialen Aktivitäten
  • Persönlichkeitsveränderungen – erhöhte Reizbarkeit, Misstrauen, Apathie

Wenn Sie bei sich selbst oder einem Angehörigen solche Veränderungen bemerken, sprechen Sie mit einem Arzt. Zunächst ist der Hausarzt der richtige Ansprechpartner. Er kann eine erste Einschätzung vornehmen und bei Bedarf an eine Gedächtnisambulanz oder einen Facharzt für Neurologie überweisen.

Frühe Diagnostik ist kein Grund zur Panik – sie ist eine Chance. Behandelbare Ursachen können ausgeschlossen oder therapiert werden. Und selbst bei einer irreversiblen Demenz ermöglicht eine frühe Diagnose, die verbleibende Zeit aktiv zu gestalten, Hilfsangebote rechtzeitig einzuleiten und Vorsorge zu treffen.

Der aktuelle Stand der Forschung

Die Demenzforschung hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt. Einige Meilensteine:

Bluttests zur Frühdiagnose: Neue Bluttests können Beta-Amyloid und phosphoryliertes Tau-Protein im Blut nachweisen – mit einer Genauigkeit, die an teure PET-Scans heranreicht. Diese Tests könnten die Demenzdiagnose grundlegend verändern und eine Früherkennung im Hausarzt-Setting ermöglichen.

Neue Medikamente: Mit Lecanemab und Donanemab sind erstmals Antikörper-Therapien zugelassen, die direkt an den Amyloid-Plaques ansetzen und den kognitiven Abbau bei früher Alzheimer-Krankheit nachweislich verlangsamen. Der Effekt ist moderat, aber es ist ein Durchbruch nach Jahrzehnten ohne neue Alzheimer-Medikamente.

Multimodale Prävention: Große Interventionsstudien wie FINGER (Finnland) zeigen, dass eine Kombination aus Bewegung, Ernährung, kognitivem Training und Gefäßrisiko-Management den kognitiven Abbau bei Risikopersonen signifikant bremsen kann. Ähnliche Studien laufen weltweit.

Lebensstil und Genetik: Studien belegen, dass ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko auch bei genetischer Vorbelastung senkt. Das entkräftet die fatalistische Haltung, gegen Gene sei nichts auszurichten.

Zusammenfassung

Demenz entsteht durch den fortschreitenden Verlust von Nervenzellen und Synapsen im Gehirn. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form, gefolgt von vaskulärer Demenz, Lewy-Körper-Demenz und frontotemporaler Demenz. Jede Form hat eigene Mechanismen: Bei Alzheimer sind es Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Neurofibrillen, bei vaskulärer Demenz Durchblutungsstörungen, bei Lewy-Körper-Demenz Alpha-Synuclein-Ablagerungen.

Das Risiko wird durch ein Zusammenspiel von Alter, Genetik und Lebensstil bestimmt. Die Lancet-Kommission hat zwölf modifizierbare Risikofaktoren identifiziert – von Hörverlust über Bluthochdruck bis hin zu sozialer Isolation –, die zusammen rund 40 Prozent aller Demenzen erklären könnten. Das ist eine ermutigende Botschaft: An Demenz ist weniger unvermeidlich, als viele denken.

Wenn Sie mehr über die einzelnen Aspekte erfahren möchten, finden Sie auf unserer Seite weiterführende Ratgeber – unter anderem zu Demenz-Medikamenten, Therapiemöglichkeiten und Betreuungs- und Versorgungsoptionen.

Quellen

Die Inhalte dieses Artikels basieren auf der aktuellen wissenschaftlichen Fachliteratur und den Leitlinien der Fachgesellschaften.